Mit Begrifflichkeiten ist es gelegentlich so eine Sache.

Kinder erklären ihre Welt gerne mit eigenen Wortschöpfungen. Als Beispiel eine kleine Familienanekdote: Als meine große Schwester einst klein war, kam sie zu dem Schluss, dass unser Vater von Beruf „Genauwisser“ sei, was ihm ziemlich schmeichelte. Weniger entzückt war er allerdings, als sie ihn einmal als „mittelhübsch“ bezeichnete. Während Kinder oft sehr kreativ und zielsicher in ihren Worten sind, spart man in der Medizin nicht an Synonymen. Die Tuberkulose wurde früher auch als „Schwindsucht“ oder „Die Motten“ bezeichnet – ein aktuelleres Synonym ist der Morbus Koch. Für die Syphilis soll es neben dem Synonym Lues gleich mehrere hundert historische Namen geben. „Amors Pfeil“ ist nur einer davon, damit wäre dann auch gleich der Hinweis auf den Infektionsweg gegeben. Aber nicht jeder Begriff und nicht jedes Synonym weisen auf Anhieb in die richtige Richtung. Früher hätte ich die Merkel-Zellen spontan grob in die Politik-Schublade eingeordnet. Inzwischen weiß ich aber, dass diese Zellen keineswegs politische Ambitionen haben, es sind Druckrezeptoren in der Haut; besonders häufig kommen sie in den Fingerbeeren vor.

Unsere Haut umkleidet den gesamten Körper und ist wirklich faszinierend. Bei einem Erwachsenen wiegt die Haut ca. drei bis fünf Kilo und kommt auf eine Fläche von etwa zwei Quadratmetern. Damit hat sie als Organ die Nase vorn, denn sie ist das größte und schwerste von allen. Neben der Masse verfügt sie auch über reichlich Klasse. Die Haut hat mechanische, immunologische, chemische und physikalische Schutzfunktionen und speichert Fett. Außerdem ist bei der Wärme- und Elektrolyten-Regulation mit von der Partie und macht auch ganz groß in Biochemie, denn sie ist an der Bildung von ca. 30 Hormonen beteiligt und unter Sonneneinstrahlung an dem Aufbau des Serotonins. Sie trägt also auch ihr Quäntchen zu unserem Glück bei. Ihr Aufbau ist am gesamten Körper nahezu identisch, nur die Dicke variiert sowie die Anzahl der sog. Hautanhangsgebilde. Gemeint sind damit Nägel, Talgdrüsen, Haare, ekkrine Schweißdrüsen und die apokrinen Schweißdrüsen. Letztere sind die Duftdrüsen. 0,4 % ihrer Keimzellen teilen sich gleichzeitig, deswegen erneuert sich die Haut etwa alle 28 Tage. Sie besteht aus drei Schichten: Oberhaut, Lederhaut und Unterhaut. Die Natur kennt viele Farben und Schattierungen, die Haut ebenfalls. Unser körpereigener Farbstoff ist das Melanin, das von den Melanozyten gebildet wird.

Melanozyten sind rundliche Zellen, die in der Oberhaut liegen. Sie produzieren das Pigment Melanin, welches der Haut den individuellen Farbton verleiht und wie ein Schild die DNA vor Schäden durch Sonneneinstrahlung schützt. Diese Schutzwirkung ist allerdings zeitlich limitiert und u. a. abhängig vom jeweiligen Hauttyp. Interessanterweise haben dunkelhäutige Menschen nicht wesentlich mehr Melanozyten als hellhäutige, deren Melanin-Basisproduktion ist jedoch deutlich gesteigert. Ein Melanozyt produziert bei Hellhäutigen etwa 10-12 Pigmentkügelchen, Dunkel- und Schwarzhäutige kommen dagegen auf ca. satte 600. Und da wir gerade bei Zahlen sind: Pro Quadratzentimeter tummeln sich rund 900 bis 1.500 Melanozyten in der Haut. Spitzenreiter mit bis zu 2.400 Melanozyten ist der Genitalbereich, gefolgt vom Gesicht mit bis zu 2.000. Biochemisch unterscheidet man zwei Arten von Melanin, das Phäomelanin, das gelbrot ist und das Eumelanin, welches schwarzbraun ist. Aus diesen zwei Bausteinen entstehen je nach Mischverhältnis die Farben unseres Lebens; unterschiedliche Haarfarben, Augenfarben und Hautfarben in verschiedenen Schattierungen. Melanozyten sind mitunter gesellig, wenn sie im Rudel auftreten, nennt man sie Leberflecke. Ca. 15 % der Menschen haben sogar mehr als 100 davon.

Kommen wir zum Thema Schweiß und dem eigenen individuellen Körpergeruch den unsere Haut verströmt. Wonach riecht der Mensch eigentlich? Nun, die Schweiß-, Talg – und Duftdrüsen der Haut sondern Sekrete ab. Zahllose Mikroorganismen, die auf der eigenen Haut leben, verstoffwechseln diese. Die Schweißdrüsen liegen in der Lederhaut und sondern ihr Sekret auf die Hautoberfläche ab. Unvorstellbare drei Millionen tummeln sich auf unserem Körper. Die Eichel und die Lippen sind dabei die einzigen Körperstellen, auf denen sie nicht vorkommen. Wer fleißig Sport treibt, trainiert seine Schweißdrüsen gleich mit, denn diese wachsen auch mit ihren Aufgaben. Pro Tag können die Schweißdrüsen bis zu 10 Liter Schweiß produzieren. Die Duftdrüsen sind sozusagen „besondere“ Schweißdrüsen. Von diesen haben wir deutlich weniger. Sie sondern die sog. Pheromone ab, sexuelle Lockstoffe. Es liegt also auf der Hand, dass die Duftdrüsen u. a. von den Geschlechtshormonen beeinflusst werden. Führt man diesen Gedanken konsequent fort, bedeutet dies, dass die hormonelle Empfängnisverhütung die Pheromone einer Frau verändern kann. Frau riecht also anders. Die Pille und Co. können aber auch dazu beitragen, dass sie die Pheromone eines Mannes anders wahrnimmt. Apropos Männer und Frauen: Bei Männern überwiegen meist die Corynebakterien auf der Haut, bei Frauen sind es Mikrokokken. Deswegen riecht männlicher Schweiß eher stechend und weiblicher mehr säuerlich. Übrigens riecht frischer Schweiß nicht, der Geruch entsteht erst, wenn die Mikroorganismen mit ihrem Werk, also der Zersetzung beginnen. Schweiß besteht zu 99% aus Wasser, der Rest setzt sich aus Kochsalz, Milchsäure, Harnstoff, Aminosäuren, Kalium, Ammoniak, Glucose, Proteine, Enzymen, ggf. Medikamentenreste und Botenstoffen zusammen. Neben den Genen und der Blutgruppe soll es übrigens die Schweißzusammensetzung sein, die uns für Stechmücken besonders attraktiv macht oder eben auch nicht.

Nerven und Haut haben so manches gemeinsam, zum Beispiel sind sie „aus dem gleichen Holz geschnitzt“. In der Embryonalphase entstehen sowohl die Nerven, als auch die Haut aus dem Ektoderm, dem äußeren der drei Keimblätter. Die Haut ist im wahrsten Sinne des Wortes sensibel. Sie ist ein Sinnesorgan, denn mit ihr nehmen wir Kontakt zur Umwelt auf. Ein Erwachsener hat ca. 400.000 Haare auf dem Körper, ca. 100.000 davon sind auf dem Kopf. Jedes einzelne Haar hat einen eigenen glatten Muskel – glatte Muskeln sind willentlich nicht steuerbar -, den Musculus arrector pili. Dieser kleine Muskel wird sympathisch innerviert und sorgt dafür, dass sich u. a. bei Kälte und Angst die Haare aufrichten. Wir bekommen also eine Gänsehaut oder die Haare „stehen uns zu Berge“. Die sensible Wahrnehmung, bzw. Innervierung ist die Voraussetzung für Motorik. Wenn wir im Freien sind können u. a. Wind und Wasser die Haare und Härchen auf der Haut durch Auslenkung innervieren. Da die sensiblen Nervenfasern neben den motorischen liegen, wird die motorische Bahn ebenfalls angeregt. Aus diesem Grund kann es einen Unterschied machen, ob Kinder überwiegend in geschlossenen Räumen spielen oder draußen.

Im Laufe der Zeit verändert sich die Haut unweigerlich. Sie erzählt die Geschichte unseres Lebens mit Lachfältchen, Narben, Dehnungsstreifen und so vielem mehr. Die Haut kann einiges über den Zustand der inneren Organe verraten und auch über unsere Seele. Nicht immer fühlen wir uns wohl in unserer Haut – und die Haut fühlt sich nicht immer wohl mit uns. Sie hat Mittel und Wege uns die gelbe oder gar rote Karte zu zeigen. Aber wenn wir uns so richtig wohl in unser Haut fühlen, ist es umso schöner; denn sie hat nicht nur Masse, sondern auch Klasse.

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